Nach Mölln
Bis sechs Uhr geschlafen. Angesichts der Wetteraussichten (bedeckt, Regenwahrscheinlichkeit am Nachmittag fünfzig Prozent) bin ich hin- und hergerissen, ob ich den Radausflug machen soll oder nicht. Keine Morgengymnastik, stattdessen gehe ich zum Bäcker und anschließend zum Supermarkt, um Reiseproviant einzukaufen. Brötchenfrühstück mit Ei, danach packen. Anschließend Fahrrad aufpumpen und um kurz vor zehn Aufbruch. Mit der U2 zum Hamburger Hauptbahnhof und von dort um 10 Uhr 34 mit der Regionalbahn nach Lübeck. Gemütliche Fahrt, bei der ich im Internet nach WordPress-Plugins recherchiere. Vor der Zugtoilette sitzt eine vielleicht fünfzig oder sechzig Jahre alte Frau mit langen blonden Haaren und einem Fransenpony, die ihrem Sitznachbarn stolz erklärt: »Ich mache deutschen Rockpop! Und zwar ziemlich frechen deutschen Rockpop!«
Um 11 Uhr 23 in Lübeck. Ich schiebe mein Rad zum Bahnhofsfahrstuhl, an dem ein rätselhaftes Schild angebracht ist: »HINWEIS: Die Anlagenbücher sind im Ämtergebäude in der Ansage hinterlegt.« Was sind Anlagenbücher, was ist die Ansage und wo ist das Ämtergebäude?

Brötchensnack in Sichtweite des Holstentors, dann mit dem Rad Richtung Mölln entlang des Elbe-Lübeck-Kanals auf die alte Salzstraße, die Lüneburg mit Lübeck verbindet. Bereits im vierzehnten Jahrhundert wurde hier ein Kanal angelegt, um den Salztransport per Treidelschiff zu ermöglichen. Halt an der ersten Informationstafel am Wegesrand. SALZ: EINE ›TECHNISCHE MEISTERLEISTUNG‹ DES MITTELALTERS.
»Um ihre Stellung als Handelsmacht im Ostseeraum zu sichern, bemühte sich die Hansestadt Lübeck, die Vorherrschaft beim Salzhandel zu erreichen. Mit diesem Ziel im Visier einigte sich die Hansestadt mit dem lauenburgischen Herzog Erich IV. im Jahr 1390 auf den Bau einer Wasserstraße zwischen Elbe und Ostsee. Der Herzog bekam dafür eine große Menge an Geld und die Lübecker übernahmen den Bau. Im Jahre 1391 begannen die Bauarbeiten. Die Stecknitzfahrt bestand aus drei Teilen: den Wasserläufen der Stecknitz zwischen Mölln und Lübeck und der Delvenau, die hinter Mölln bis zur Elbe bei Lauenburg floss, sowie einem 11 Kilometer langen Graben, der die Wasserscheide südlich von Mölln überwand und so die beiden natürlichen Flüsse verband. In ganz Nordeuropa gab es im Mittelalter nichts Vergleichbares. Die Stecknitzfahrt war – in den Worten eines Ingenieurs des 19. Jahrhunderts – eine ›technische Meisterleistung‹. Auf einer Fahrtlänge von etwa 97 Kilometer errichtete man 13 Schleusen, deren Zahl sich später auf 17 erhöhte.«
Idyllische Fahrt auf holpriger Strecke mit größeren Steinen und Schlaglöchern auf dem Boden, so dass ich sehr konzentriert fahren muss. Wie wird es erst den Treidlern vor sechs Jahrhunderten ergangen sein, die ihre Salzkähne durch das schlammige Sumpfgebiet auf viel verschlängelteren Pfaden ziehen mussten?
Auf dem letzten Drittel der Strecke wird der Weg besser und breiter und die Fahrt deutlich entspannter. Anderen Fahrradfahrern und Spaziergängern begegne ich unterwegs kaum. Dafür sehe ich einige Tiere. Kormorane, die von mir aufgescheucht Reißaus nehmen und den Wasserlauf entlangfliehen. Schafe, Enten, Schwäne und Heidschnucken, außerdem eine Herde Schottischer Hochlandrinder mit spitzen ausladenden Hörnern, die wegen ihrer über die Augen reichenden Frisuren und dem rotbraunen Fell eher wie liebenswerte Hunde aussehen. Sogar eine bestimmt zehnköpfige Otterfamilie überquert vor mir auf dem Fahrradweg den Deich. Je näher ich komme, um so schneller eilen die Puschelwesen mit dem glänzenden Fell die Böschung hinab und verschwinden im Gestrüpp des Ufers. Wahrscheinlich waren es gar keine Otter, sondern Bisamratten oder Nutrias. Trotzdem finde ich die Tiere niedlich. Später lese ich in den Lübecker Nachrichten einen Artikel mit der Überschrift NEUE TIERISCHE MITBEWOHNER IN MÖLLN: SIND NUTRIAS EINE GEFAHR FÜR HUNDE?
»Die Nagetiere ernähren die sich vorwiegend von Stängeln und Wurzeln der Wasserpflanzen. Doch die Warnungen sind nicht unberechtigt. So wurde Ende Februar ein Fall im nordrhein-westfälischen Lippstadt bekannt. Dort fiel ein Jack-Russell-Terrier einer Nutria zum Opfer. Die Nutria habe den Hund im Nacken gepackt, geschüttelt und unter Wasser gezogen. Das Ganze habe nur wenige Sekunden gedauert, berichtete ein Jäger gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.«

Nach dreißig Kilometern erreiche ich schließlich Mölln und fahre quer durch die Stadt und den Kurpark zur Hotelpension Waldlust. An der verschlossenen Eingangstür klebt ein Zettel mit einer Telefonnummer. Ich rufe die Nummer an und höre hinter der Glastür mein Klingeln. Eine Frauenstimme meldet sich. Ich sage, dass ich vor der Tür stehe und ein Zimmer für die Nacht suche. Die Frau, die die Inhaberin ist, antwortet, dass ich Glück hätte und das letzte Zimmer gerade wieder freigeworden sei. Kurz danach erscheint sie hinter der Tür und schließt mir auf.
Am Tresen fülle ich den Meldeschein aus und die Inhaberin reicht mir den Zimmerschlüssel und erklärt mir, wo ich mein Fahrrad über Nacht abstellen kann. Bevor ich ins Zimmer gehe, will ich mein Rad dort hinbringen, schiebe es über den großen Hinterhof, kann aber die weiße Tür zur Fahrradgarage nicht finden. Am Ende des Hofs stehe ich schließlich vor einer spärlich beleuchteten Garage, in der eine Frau und ein Mann an einem Auto schrauben. Ich sage, dass ich auf der Suche nach der Unterbringung für mein Fahrrad sei. »Weißes Schild«, ruft der Mann, der halb unter dem Auto liegt, so dass ich nur seine Beine sehen kann, drehe den Kopf und entdecke das weiße Schild mit der Aufschrift FAHRRADGARAGE direkt neben mir. Anscheinend hatte ich mich verhört und sollte gar nicht nach einer weißen Tür, sondern nach einem weißen Schild Ausschau halten.
Nachdem ich mein Fahrrad abgestellt und verschlossen habe, laufe ich zurück in die Hotelpension, die 1912 erbaut wurde. Das Gebäude ist riesig, urig, rustikal und aus der Zeit gefallen. Mein Zimmer befindet sich im zweiten Stock. Es ist sauber, altmodisch und recht günstig: Vierzig Euro pro Nacht inklusive Frühstück. Sollte ich plötzlich mal untertauchen müssen, könnte ich hier für vierhundert Euro zehn Tage lang von der Bildfläche verschwinden und mir in der Garage im Hinterhof wahrscheinlich sogar den Fluchtwagen umspritzen lassen. »Machen Sie einfach nur den MILES-Schriftzug weg«, würde ich zu den beiden in der Garage sagen und wieder in mein Zimmer huschen.
Ich stelle die Fahrradtaschen ab, gehe ins Bad und stoße mir sogleich den Kopf, weil der Türrahmen so niedrig ist. Als erstes will ich mir die Hände waschen, trete ans Waschbecken, entdecke aber keine Seife. Auch in der Dusche und in dem Badezimmerschrank über dem Waschbecken befindet sich keine. Kurz zögere ich, seufze und laufe müde die zwei Stockwerke nach unten. Die Inhaberin kommt hinter dem Tresen hervor. Ich sage, dass mit dem Zimmer alles in Ordnung sei, nur im Bad vergessen wurde, ein Stück Seife hinzulegen. Die Inhaberin schüttelt den Kopf und erklärt, dass die Seife mit Absicht fehle, weil keiner mehr Seife wolle, da die meisten Gäste ihre eigene Seife oder Duschgel mitbringen würden. Verdutzt schaue ich sie an. Wissen Sie, sagt sie, seit Corona mache das ja keinen Sinn mehr. Ich schaue noch verdutzter. Dann murmle ich eine Antwort, sage, dass ich zur Not auch das Shampoo, das ich dabeihabe, benutzen könnte, laufe zur Treppe und kehre zurück in mein Zimmer.
Auf dem Klo lese ich eine zwei Jahre alte Google-Rezension über die Unterkunft von ennostra: »Sehr schöne Pension mit Liebe zum Detail. Das Zimmer ist rustikal und einfach. Der Empfang war sehr nett. Frühstück war lecker. Es fehlte uns die Handseife im Bad.« Also auch schon 2021, in der Hochphase von Corona, wurde das Fehlen der Seife beklagt. Nachdem ich meine Tasche ausgepackt habe, lege ich mich aufs Bett und lese weiter in dem mitgebrachten Buch von Elizabeth Ellen. Unter mir spüre ich die Molton-Auflagen und bin ganz berührt von dem Buch. Einerseits bin ich begeistert, weil ihre Geschichten so gut sind, anderseits betrübt, weil die Autorin so unbekannt ist und kaum jemand Elizabeth Ellen liest.
Als ich um kurz nach halb fünf die Hotelpension verlasse, um in die Stadt zu gehen, erklärt mir die Inhaberin den Weg zum Marktplatz mit dem Eulenspiegel-Brunnen und sagt, dass ich gleichzeitig den Daumen und die Fußspitze der Bronzefigur reiben solle, weil mir das für meine Weiterfahrt morgen Glück bringen werde. Ich bedanke mich und laufe die Straße den Berg hinab bis zu einem Parkplatz und gehe einen schmalen, von Bäumen gesäumten Weg entlang, der links an den Wallgraben und rechts an den Schulsee grenzt. Obwohl mir die Möllner Seenplatte ein Begriff ist, bin ich überrascht, wieviel Wasser und Grün es in der Stadt gibt.
Am Wallgraben entlang komme ich zum Mühlenplatz und stehe vor der Polizeistation. Auf Google hat sie dreieinhalb von fünf Punkten. Insgesamt erhielt sie acht Fünfsterne-, eine Viersterne-, eine Dreisterne- und fünf Einsterne-Bewertungen. Ich scrolle durch die Rezensionen. Vandalino urteilt snobistisch: »Mir wurde Wasser aus einem Plastik Becher angeboten, das geht gar nicht!«
Auf dem Platz vor der Polizeistation stehen drei rote Informationstafeln, eine mit der grünen Silhouette eines dünnen Schalks mit Narrenkappe und Schnabelschuhen. Ich laufe über das altertümliche Kopfsteinpflaster weiter bis zur sogenannten Hauptstraße und biege rechts ab. Auch links und rechts neben der Eingangstür des Beier-Stübchensprangt die Silhouette eines dünnen Schalks. Das Lokal bietet altdeutsche Küche, ist aber nur von Donnerstag bis Sonntag geöffnet und macht also erst in zwei Tagen auf. So lang kann ich mit dem Essen nicht warten, und so lang will ich auch nicht in Mölln bleiben.
Neben der Eingangstür auf der anderen Straßenseite hängt eine Hinweistafel aus Bronze.
In diesem Hause hat der König von Dänemark
Friedrich VI. als Herzog von Lauenburg
bei seinen Besuchen in Mölln
1817, 1823, 1827 und 1833 gewohnt
Ich gehe weiter und stoße an der nächsten Ecke auf ein rot verklinkertes Neubauhaus. Die Eingangstür steht offen und aus dem Inneren höre ich Musik und eine laute Stimme. ROUTE 66 • BEST BAR IN TOWN • MÖLLN/GERMANY. Ich verlangsame meinen Schritt und schaue im Vorbeigehen ins Innere. Der Mann hinter dem Tresen redet laut auf den einzigen Gast ein, sieht mich und verstummt. Ich fühle mich ertappt und laufe weiter, überquere die schmale Straße und betrete das Gelände des Stadthauptmannshofs, der heutzutage Sitz der Stiftung Herzogtum Lauenburg ist.
»Das historische Ensemble des Stadthauptmannshofs ist eine der zentralen kulturellen Stätten im Kreis Herzogtum Lauenburg. Die Stiftung Herzogtum Lauenburg, die am 29.10.1977 von Dr. Dr. Uwe Barschel und Dr. Karl-Josef Ballhaus gegründet wurde, hat auf der Grundlage eines öffentlich-rechtlichen Vertrages 2005 vom Kreis Herzogtum Lauenburg die Aufgaben der öffentlichen Kulturförderung übertragen bekommen.«
Sogleich sehe ich das Foto der Badewanne aus dem Beau Rivage mit Barschels Leiche vor mir, das von einem Stern-Cover (TOD IN GENF) zu einem Titanic-Umschlag (SEHR KOMISCH, HERR ENGHOLM!) und schließlich zu einem Kunstwerk von Thomas Demand (BADEZIMMER) mutiert. An einer Glastür hängt das Veranstaltungsprogramm der Stiftung. VORSTELLUNG DER ERSTEN GÜNTER GRASS-BIOGRAPHIE IN BEHLENDORF.
»Das umfassende Buch von Harro Zimmermann wird im Brinkhuus vom Autor selbst und vom Verleger Wolf-Rüdiger Osburg vorgestellt. Der Ort ist passend gewählt, schließlich lebte Grass in Behlendorf und wurde hier begraben.«
Die Gemeinde befindet sich rund zehn Kilometer entfernt und lag an meiner Radstrecke. Hätte ich gewusst, dass Günter Grass in Behlendorf gelebt hat und dort begraben ist, hätte ich gewiss vorhin einen Abstecher gemacht. Gedankenversunken laufe ich über das Gelände der Stiftung. Ich muss an Tobias Rüthers Biographie über Wolfgang Herrndorf denken, die vor knapp zwei Wochen erschienen ist, und kann nicht glauben, dass es noch keine frühere Biographie über den Literaturnobelpreisträger gab. Die Stiftung hat einen Seezugang. Ich betrete den Steg und schaue auf den idyllisch vor mir liegenden Schulsee. »Die Blechtrommel« von Günter Grass erschien 1959, Herrndorfs »Tschick« über fünfzig Jahre später, trotzdem wurde Günter Grass nicht nur deutlich älter als Wolfgang, sondern hat ihn sogar um knapp anderthalb Jahre überlebt. Diese Überlappung der Ereignisse, diese unchronologische Gleichzeitigkeit, macht mich ganz konfus, und ich laufe über die Wiese mit den Apfelbäumen zur Erlebnis-Infowand »HERZoglicher Urlaubsspaß«.
Als Till Eulenspiegel im Jahre 1350 nach Mölln kam, musste er wohl schon eines der drei Stadttore passieren. Spätestens seit der Mitte des 14. Jahrhunderts, so vermuten die Historiker, glich die Stadt einer Festung mit Wällen, Gräben, Türmen und einer Mauer, die Mölln vollständig umgab. Die Mauer war bis zu fünf Meter hoch.
Ich kehre zurück zur Hauptstraße und folge den Schildern zum Markt. Die Straße wird steiler und das Kopfsteinpflaster älter. ANLIEGER FREI. Ich komme am Max-Ahrens-Haus vorbei, das sich im ehemaligen Gasthof »Zum Michel« befindet. Die Räume hinter den Fenstern liegen im Dunkel und wirken verlassen. Neben dem Türbogen ist ein Bronzerelief von Till Eulenspiegel mit den Jahreszahlen 1300-1350 angebracht. Darüber ist ein Schild aus Acrylglas montiert mit dem eingravierten Namen des Hauses und einer Doppelporträtzeichnung von zwei Männern. Der obere trägt eine Narrenkappe, der untere eine Brille.
Wier hatten
Mut
es wurde gut
»Till«
1966

JR56 schreibt auf komoot.de über das Haus:
»Viele Werke von Ahrens sind dort zu sehen. Max Ahrens, der gebürtige Hamburger, fand nach dem zweiten Weltkrieg in Mölln so etwas wie eine neue Heimat. Die zunehmenden Alkoholprobleme führten ihn immer mehr in die Möllner Lokale. So kam es, dass er oft seine Rechnungen nicht bezahlen konnte und immer wieder als Bezahlung eine Zeichnung oder ein Bildnis verwenden musste. So verfügen viele Bürger der Stadt über Werke von Max Ahrens und viele ältere Bürger kennen ihn noch persönlich. Seine Alkoholprobleme hinderten in nicht daran, viele meisterhafte Werke in seiner Zeit in Mölln zu schaffen. Auch wenn ihm der große künstlerische Durchbruch versagt blieb.«
Daneben befindet sich das Karlheinz-Goedtke-Haus, das nicht weniger verlassen wirkt, doch meine Blicke werden vom historischen Marktplatz angezogen, der sich vor mir erstreckt. Eine Schulklasse umringt den Brunnen mit der Till-Eulenspiegel-Figur, und ein Lehrer doziert mit lauter, strenger Stimme. Ansonsten ist der von Fachwerkhäusern gesäumte Marktplatz verwaist. Tische und Stühle stehen vor dem Café, das erst am Donnerstag, und vor dem griechischen Restaurant, das erst am Mittwoch geöffnet hat. Dienstag ist wahrlich kein guter Tag, um in Mölln Hunger zu haben. Als die Schulklasse weiterzieht, trete ich an den Brunnen mit der Statue von Till Eulenspiegel, deren Finger und Schuhspitzen in der Tat ganz blank gerieben sind.

Die Plastik stammt vom Möllner Bildhauer Karlheinz Goedtke wie auch die Gedenktafel für den irischen Dramatiker und Satiriker George Bernhard Shaw an der Steinmauer links daneben.

Im Internet lese ich die Hintergründe zu Shaws Ehrenbürgerschaft. Demnach wollten die Möllner Stadtverantwortlichen den 600. Todestag Till Eulenspiegels im Jahr 1950 gebührend feiern, sich dabei mit einem berühmten Namen schmücken und verfielen auf die Idee, den irischen Dramatiker, Satiriker und Literaturnobelpreisträger von 1925, George Bernard Shaw, nach Mölln einzuladen. Da die Stadtverordnung wegen des Missbrauchs mit Ehrenbürgerschaften im Nationalsozialismus diese nicht mehr vorsah, boten sie Shaw den Titel eines »Ehren-Eulenspiegel« an. Sie teilten ihm dies per Telegramm mit und luden ihn nach Mölln ein. Der dreiundneunzigjährige Shaw, der Eulenspiegel nicht kannte, antwortete per Postkarte, dass er aufgrund seines Alters nicht nach Mölln kommen könne, aber die Ehrenbürgerschaft der Stadt trotzdem annehmen werde. Diese Nachricht sorgte weltweit für Schlagzeilen und die Stadtverantwortlichen entschieden daraufhin notgedrungen, Shaw die Ehrenbürgerschaft doch zu verleihen. Für mich klingt die Geschichte weniger nach einer Eulenspiegelei, sondern viel mehr nach einem Schildbürgerstreich, und ich laufe die Treppe zum Kirchberg hinauf, von dem man einen großartigen Blick auf den Markt und die Fachwerkhäuser hat. Besonders fasziniert bin ich von dem schiefen und in sich zusammengesackten Haus mit der blaugrünen Schaufensterfront.

An der Kirche hängt eine Plane mit einem Spendenaufruf.
ENDSPURT
SPENDEN FÜR DEN GUTEN TON!
85% von 1,7 Mio. Euro für die Orgelsanierung wurden schon gespendet. Für die restlichen 250.000 Euro brauchen wir Ihre Unterstützung.
1,7 Millionen Euro. Ich laufe um die Kirche herum und frage mich, ob man so viel Geld nicht für notwendigere und dringendere Dinge ausgeben könnte. An der Westseite des Turms entdecke ich einen mit einem Gitter geschützten Eulenspiegel-Gedenkstein. Er ist vermutlich zwischen 1530 und 1550 entstanden. Die verwitterte Inschrift lautet:
Anno 1350 is düsse sten upgehaven ty le Ulenspegel lent hir under begraven marcket wol und dencket dran wat ik gwest si up erden al de hir voröver gan moten mi glick werden
Die neuhochdeutsche Übersetzung steht auf der Tafel am Boden des Gedenksteins.
Im Jahre 1350 ist dieser Stein aufgestellt, Till Eulenspiegel lehnt hierunter begraben. Merket wohl und denkt daran, was ich gewesen bin auf Erden, alle, die hier vorübergehen, müssen mir gleich werden.

In der einen Hand die Eule, in der anderen den Spiegel, so ging er durch die Welt. Im Vergleich zum dünnen Brunnenschalk ist der Narr auf der knapp vierhundert Jahre zuvor entstandenen Kalksteinplatte allerdings viel runder und feister dargestellt. Den letzten Satz empfinde ich als Drohung, denn die Prophezeiung, ihm gleich zu werden, egal ob beleibt oder dürr, ist für mich eine Horrorvorstellung.
Mein Hunger wird größer, außerdem brauche ich Bargeld. Ich kehre zum Marktplatz zurück und betrete die Touristeninformation im Historischen Rathaus. Hinter dem Tresen lächeln mich zwei Frauen an. Ich frage, wo der nächste Geldautomat sei, und erhalte eine detaillierte Antwort mit den Standorten der Automaten der verschiedenen Bankinstitute. Danach schaue ich mir die Auslage mit den Prospekten, Karten und Souvenirs an. Neben den Sachbüchern gibt es auch Fächer mit verschiedenen belletristischen Titeln. KEHLMANN 16 €. Beeindruckt blättere ich durch das 480 Seiten dicke Tyll-Taschenbuch. Touristeninformationsbüros sind gewiss ideale Verkaufseinrichtungen für Bücher, deshalb ist es schon vertriebstechnisch ein kluger Schachzug, in literarischen Werken volkstümliche Sagen und Mythen aufzugreifen und zu verarbeiten. KÄSTNER 12 €. So entstehen Longseller.
Ich verlasse die Touristeninformation, laufe die Marktstraße hinab und gelange zur Hauptstraße, die in diesem Abschnitt komplett aufgerissen ist und nur für Fußgänger auf zwei schmalen abgezäunten Wegen auf beiden Seiten passierbar ist. Am Automaten in der Raiffeisenbank hebe ich Geld ab, dann laufe ich die Hauptstraße weiter bis zu einem mit Bäumen bepflanzten Platz und gehe in die Drogerie neben der Bäckerei NUR HIER. Aus einem Regal nehme ich ein Stück Seife und stelle mich ans Ende der Warteschlange vor der Kasse. Mein Magen knurrt, und ich lasse mir auf meinem iPhone den Weg zum Quellenhof anzeigen. Er ist etwa neun Gehminuten entfernt und das bestbewertete Restaurant in der Nähe, das an diesem Tag geöffnet hat. Die Kundin vor mir hält in der einen Hand einen bis zum Rand gefüllten Einkaufskorb und in der anderen Hand zahlreiche ausgeschnittene Rabattcoupons und Gutscheine. Mir ist schlecht vor Hunger, und ich kippe fast um.
Nachdem ich endlich bezahlt habe, stecke ich die Seife in meine Hosentasche, eile aus der Drogerie, laufe am Zeitungsleser-Denkmal von Karlheinz Goedtke vorbei den Wasserkrüger Weg hoch, biege in die Straße Am Kurgarten und erreiche über einen Parkplatz das Restaurant im Quellenhof ~ über den Dächern von Mölln.
Das Restaurant ist groß und so gut wie leer. Ein Tisch am Fenster ist belegt, alle anderen Fensterplätze sind reserviert. Ich setze mich nach draußen auf die leere Terrasse. Die Kellnerin bringt mir die Speisekarte. Ich bestelle ein großes Pils und die Fischplatte MÖLLNER SEERÄUBER. Gebratene Filets von Steinbeißer, Seelachs und Zander auf Bratkartoffeln, mit Salat und Sauce Hollandaise. Das Bier schmeckt sehr gut und das Essen ebenso.
Nach dem zweiten Pils gehe ich auf Toilette und bringe von dort einen Flyer mit.
30 Jahre Verein für Senioren LAB
Eine Möllner Erfolgsgeschichte
Ich fordere die Rechnung an, zahle und überquere den Parkplatz. Ich kehre zur Hauptstraße zurück, folge ihrem Verlauf und komme erneut an der Raiffeisenbank, dem Beier-Stübchen, am ROUTE 66 und der Stiftung Herzogtum Lauenburg vorbei. Zum Schluss führt die Hauptstraße über den alten Bahndamm, der den Stadtsee vom Schulsee trennt, und mündet an einer T-Kreuzung vor dem ehemaligen Restaurant BAAN THAI in der Ratzeburger Straße 1, das heute als Pension genutzt wird. Ich überquere die Fahrbahn, laufe nach links und halte nach den Nummern an den Häusern Ausschau. 9 … 11 … 15 … 17. Irritiert gehe ich noch einmal zurück. 17 … 15 … 11. Es gibt kein Haus mit der Nummer 13, nur eine große, brach liegende Fläche, auf der längs und quer mehrere Autos parken, mit einer Plakatwand, die Werbung für ALDI TALK macht. Der Boden besteht aus rötlich-braunem Sand und Kies, in dem sich Reifenabdrücke abzeichnen. An mehreren Stellen entdecke ich Reste eines Fundaments. Verwundert gehe ich über die Straße und laufe zurück zur T-Kreuzung. Ein blaues Schild weist Richtung Parkplatz Mühlenplatz. Neben dem Straßenschild liegt ein Findling mit einer Texttafel auf dem Rasen.
Zum Gedenken an die rassistischen Brandanschläge
vom 23. November 1992
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich eines der beiden von türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern bewohnten Häuser, die am 23. November 1992 von rechtsextremistischen Tätern in Brand gesteckt wurden. Im Haus Ratzeburger Straße 13 wurden viele der 32 Bewohnerinnen und Bewohner bei dem Anschlag zum Teil schwer verletzt. Das Haus wurde im Herbst 1998 wegen Baufälligkeit abgerissen. In dem zweiten Brandhaus in der Mühlenstraße 9 wurden Bahide Arslan, Yeliz Arslan und Ayse Yilmaz ermordet.
Ich hebe den Kopf und starre auf die Brache, die offenkundig schon seit 25 Jahren so leer und sinnlos daliegt. Dann drehe ich mich um, und mein Blick fällt auf die Postkartenidylle mit Park, Springbrunnen, See, Ausflugsschiff, Fachwerkhäusern und der von Bäumen umkränzten St. Nicolai-Kirche auf der anderen Uferseite. Zögernd laufe ich weiter, zurück über den Bahndamm die Hauptstraße entlang. Ich stecke meine Hände in die Hosentasche, fühle das Stück Seife, dass ich in der Drogerie gekauft habe, und komme mir vor wie Leopold Bloom im »Ulysses« bei seinem Irrgang durch Dublin. Von der Hauptstraße biege ich zum Mühlenplatz ab, laufe an der Polizeistation und am CDU-Ortsverband vorbei und biege in die Mühlenstraße. Die Straße ist eng, die Bürgersteige sind schmal. Quer über die Straße ist eine Leine gespannt, an der bunte Wimpel mit einer Mahnung flattern.
Denk dran: Tempo 20
Mit klopfendem Herzen nähere ich mich dem hell gestrichenen, dreistöckigen Backsteinhaus in der Mühlenstraße 9. Unter der Hausnummer neben der Tür sind eine Lampe und ein transparentes Schild angebracht.
Bahide – Arslan – Haus
Am 23. November 1992 starben bei einem rassistischen Brandanschlag in diesem Hause
Bahide Arslan
Yeliz Arslan
Ayse Yilmaz
Zum Gedenken an die Opfer benannte die Stadt Mölln dieses Gebäude nach Bahide Arslan.
23. November 1999 / 23. November 2012 Stadt Mölln

Das Haus ist bewohnt und ein Fenster im ersten Stockwerk beleuchtet. An dem weißen Briefkasten mit dem goldenen Posthorn steht ein Name, aber nicht derjenige der Familie Arslan. Ein Artikel von 1997 auf welt.de behauptet:
Inzwischen ist das Fachwerkhaus wieder aufgebaut. ›Die leidgeprüfte türkische Familie Arslan ist dort wieder eingezogen‹, berichtet Bürgermeisterin Schult und fügt hinzu: ›Es war ihr ausdrücklicher eigener Wunsch.‹
In einem Artikel aus dem Jahre 2012 auf spiegel.de und in den Worten eines überlebenden Familienmitglieds klingt das allerdings anders.
Die Familie fühlte sich vom Sozialamt schikaniert, von den Medien gedemütigt, von Mölln geschnitten. Nach dem Mordanschlag habe die Stadt die Überlebenden vor die Wahl gestellt: entweder in einen Wohncontainer oder zurück ins renovierte Brandhaus in der Mühlenstraße 9. Die Arslans entschieden sich für ihr altes Zuhause. ›Die Jahre dort waren die Hölle. Immerzu musste ich über die Stelle laufen, wo meine Oma lag, im Zimmer schlafen, wo Yeliz und Ayse gestorben sind, aus dem Fenster schauen, aus dem meine Mutter sprang‹, sagt Ibrahim.
Ibrahim Arslan, der damals sieben Jahre alt war, überlebte den Mordanschlag, weil er von seiner Großmutter Bahide in nasse Decken gewickelt und nach vier Stunden in der brennenden Küche von den Einsatzkräften gerettet wurde. Sie selbst starb im Treppenhaus, nachdem sie vergeblich versucht hatte, Ibrahims zehnjährige Schwester und seine vierzehnjährige Cousine zu retten. 2000 zogen die Arslans aus der Mühlenstraße 9 aus und verließen Mölln.
An der roten Klinkerwand neben dem Haus sind drei blauweiße Schilder angebracht.
Bahide Arslan Gang
Bahide Arslan (1940-1992), Kauffrau, ermordet bei einem rassistischen Brandanschlag am 23.11.1992
Begegnungsstätte
Bei dem Begriff »Kauffrau« fallen mir zwei Zeilen aus dem Lied »Das bisschen Totschlag« von Die Goldenen Zitronen ein: »es waren anständige Ausländer / Steuerzahlende Möllner, fast wie du und ich«. Ich muss auch an den erhellenden Artikel von Franka Maubach denken, den ich kürzlich in dem Themenheft der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte über das Thema Rechte Gewalt in den 1990er Jahren gelesen habe. Darin berichtet sie von den erfolgreichen Bemühungen, die Morde von Mölln und Solingen in den Kontext des ostdeutschen Rechtsextremismus zu stellen, obwohl für diese und weitere Anschläge in Westdeutschland der Einwanderungsrassismus in der Bundesrepublik der 1970er und 1980er und die weitverbreitete »Türkenfeindlichkeit« ursächlich waren. In dieses Bild passt auch Helmut Kohls schändliche Weigerung, an der Trauerfeier für die Opfer von Mölln in Hamburg teilzunehmen.
Als in der Bundespressekonferenz am 27. November 1992 gefragt wurde, warum der Bundeskanzler nicht bei der Trauerfeier anwesend war, erklärte Kohls Sprecher Dieter Vogel unter anderem, die Bundesregierung wolle nicht in einen ›Beileidstourismus‹ verfallen.
Ich folge der Gasse und laufe an der Rückseite des Hauses vorbei. Es ist ein schönes Haus, aus dem Stimmen dringen und ein Lachen. Direkt in dem Gebäude daneben hat die »Internationale Begegnungsstätte in Mölln« ihren Sitz. Sie wird von einem Verein betrieben, der sich im Dezember 1992 nach den Mordanschlägen gegründet hat. In der Ziegelwand der Begegnungsstätte ist eine Erinnerungstafel eingelassen.
EIN ORT DER ERINNERUNG, DES NACH- UND VORDENKENS,
DER ANSTÖSSE ABER AUCH DES ANSTOSSES
DER VIELFALT, DES MITEINANDERS
UND DER HILFE – KURZ:
EIN NEUER ANFANG NACH MÖLLN
Zu dem Gebäude gehört ein grüner, wilder Garten, der mit einem Holzzaun vom Weg abgetrennt ist, und durch eine rostbraune Stahlpforte zu betreten ist. Ich laufe den Weg weiter bis zum Tor über die Brücke in den Kurpark, das gerade von einem Sicherheitsmitarbeiter verschlossen wird. Er grüßt mich still, und ich lese die Erklärungen auf der Tafel neben dem Tor und studiere die Karte. Der Bahide-Arslan-Gang führt über die Brücke über den Wallgraben durch den Kurpark und endet an der Wallpforte. Ich kehre um und laufe zurück zur Mühlenstraße. Im Fenster der Möllner Wohnstätten, die direkt an das Haus der Arslans angrenzen, entdecke ich zwei poppige Schilder mit Slogans der Beatles.
LOVE LOVE LOVE
LOVE IS ALL YOU NEED

Im Kontrast dazu stehen die massiven, weiß-roten Betonpfeiler, wie sie auch vor Synagogen stehen, und den Gang und die Häuser davor sichern. Mehr noch als die Gedenkstätte selbst erinnern sie daran, dass Liebe und ein friedliches Zusammenleben in diesem Land nicht selbstverständlich sind und beschützt werden müssen.
Erstveröffentlicht in BILDER UND ZEITEN, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Samstag, 23. November 2024
