MÄNNER!

»Marc Degens versammelt Vollmundig-Metapoetisches zu einem Mansplaining-Dramolett«, heißt es im Newsletter über meinen Text, der im neuen Merkur auf 14 Seiten abgedruckt ist.  Die neue Ausgabe (Nummer 862, März 2021) ist auf jeden Fall sehr zu empfehlen, nicht nur für…

Subito

»Mitte der Achtziger gab es nur wenige Bars und Kneipen für Künstler und Szenegänger im Schanzenviertel. Das Subito unweit des Schulterblatts war damals ein Treffpunkt. […] Bernd Begemann und Bela B. gingen in der Souterrain-Kneipe ein und aus. Wie alle ließ auch Unverricht dort anschreiben. Als ein Bekannter von ihm die Kneipe übernahm, half er beim Renovieren. In einer Schublade fanden sie unbezahlte Deckel. Bei rund 50.000 Mark, so schien es, hatte der alte Wirt aufgehört, die Schulden der Gäste aufzuschreiben. Heute steht der Laden leer, überall kleben Plakate und Sticker, die Eingangstür ist voller Graffiti. Nichts erinnert mehr an die Kneipe.«

(Sebastian Grunke über Max Unverricht, Freitag 30/2018)

»Das ›Subito‹ war nicht nur irgendeine Kneipe, auf deren Spuren sich nun vielleicht immerhin Doktoranden der Literaturwissenschaft setzen werden. Inmitten der saturierten späten Bundesrepublik war es ein Ort existentieller Kämpfe, die wirklich wahre Wirklichkeit im falschen Leben, eine Künstlerrepublik, ein Greenwich Village der Post-Punk-Gitarrenmusik. ›Und jetzt, los ihr Ärsche, ab ins Subito‹, lautete der letzte Satz des Textes, auf den Rainald Goetz 1983 in Klagenfurt das Blut tropfen ließ, als er sich beim Bachmannwettlesen mit einer Rasierklinge die Stirn aufschlitzte. Eine Szene, die längst in die Literaturgeschichte eingegangen ist. […] Ein Drittel der ›Subito‹-Stammgäste von damals hat sich inzwischen garantiert totgetrunken oder irgendwie den Absprung geschafft. Ein weiteres Drittel wurde erst mal Musik- und dann Magazin-Journalist. Und das restliche Drittel trat den langen künstlerischen Marsch durch die Institutionen an. Blixa Bargeld von den Einstürzenden Nachbauten macht inzwischen so etwas wie Hochkultur-Avantgarde. Diedrich Diederichsen ist Kunstprofessor. Nick Cave hat es irgendwie geschafft, älter zu werden. Und Rainald Goetz – 1954 geboren, Immermitschreiber, Doppel-Doktor in Geschichte und Medizin, passionierter Fahrradfahrer, Autor von inzwischen etwa einem Dutzend Bücher –, Rainald Goetz hat jetzt den Büchnerpreis, immer noch Deutschlands renommierteste Literaturauszeichnung.«

(Dirk Knipphals, taz 8.7.2015)

»– Thema Rock’n’Roll und so: Am meisten gings damals ab im SUBITO an der Stresemann-, Ecke Juliusstraße. Alter, dat war Rock’n’Roll! Nick Cave is da hingegangen, Blixa Bargeld und die ganzen Hamburger Abwärts-Typen. Die Musik war eher so punkig, Neubauten und so weiter. Kein DJ, alles von Tape oder CD. Clubkultur, sach ich mal, so mit DJ in fast jedem Laden, das kam erst später. Zum Schluss jedenfalls, als der Laden fertig war, hat der Besitzer Kasper alle unbezahlten Deckel an die Kneipenwand genagelt. 50 Mark. 100 Mark. Einer, von Nick Cave, glaube ich, hundert-drei-und-dreißig Mark, Alter. Dabei kostete dat Bier damals nur einsfuffzich! […] Irgendwann stand das Ding leer, einzwei Jahre. Und dann, was kam da rein? Ich weiß et jarnich genau… Kinderklamotten, oder so.«

(St. Pauli normal, Charly König, Rock’n’Roll, Tekkno und Dark Rooms)

»›Ihr hattet die Power, den Willen, den Mut, heute Abend rauszugehen. Ihr habt mehr Power als die meisten, die diesen Weg nicht gewagt haben. Dieser Applaus ist euer Applaus!‹ Rocko Schamoni sitzt zwischen Bierflaschen und einem Sektkübel auf der Bühne im Festsaal Kreuzberg und flirtet sein Publikum extrem platt an. Man nimmt es ihm nicht übel, denn so ein Verhalten ist den Lesern seines Romans ›Sternstunden der Bedeutungslosigkeit‹ bekannt. […] Wenn Schamonis Protagonist Michael Sonntag an die Hamburger Frauen ran will, dann packt er noch viel dreistere Plattitüden aus. Donnerstagnacht zieht es die ›Überflüssigen‹ Hamburgs in Schamonis Roman Richtung Kiez. Die Nächte enden nach einigen Linien Speed frühmorgens im alkoholischen Exzess. Die, die heute durch die vermeintliche Katastrophennacht zum Festsaal gewatet sind, wirken da vergleichsweise brav. […] Als die Eckkneipe an der Hamburger Stresemannstraße noch Subito hieß, waren die meisten hier für Abstürze noch zu jung. Im Buch wird der Laden Nasenbär genannt, heute heißt er tatsächlich so, und bietet – Ironie der Zeit – Artikel für Mutterglück und Kinderträume an. Fakt oder Fiktion, Wechsel der Generationen, allüberall.«

(Christine Käppeler, taz 23.6.2007)

Die Phantasie an der Macht

Außerdem kam hinzu, dass ich bereits bevor ich mit Punk und diesen Dingen überhaupt irgendwie in Berührung kam, schon ziemlichen Spaß an Selbstverletzungsaktionen hatte, und mal auch also auf so einem Faschingsfest mit jeder Menge Schnittwunden aufgetaucht bin und zum Entsetzen der Leute und das sehr goutiert habe das Entsetzen der Leute.

Wo war das Vergnügen?

Überall am ganzen Körper. Ich hatte dann kurze Hosen und so ein kleines kurzes T-Shirt an und hab mich also am ganzen Körper halt alles aufgeschlitzt, irgendwie überall.

Womit?

Mit einer Rasierklinge.

Das kann ich auch gern mal vormachen wie das ausschaut.

Was haben Ihre Eltern zu dem Konflikt gesagt?

Ja, die waren auch schon mehr schockiert.

Die fanden das schon einen extremen Rückschritt in –

Ja, ich bin ja auch relativ alt schon und die haben gemeint, das wäre … also ich müsste doch jetzt langsam über die Kindereien und Turnschuhe und sonstige Dinge hinauskommen und dann wie ein erwachsener Mensch werden und auch dazu hatte ich eigentlich überhaupt keine Lust gerade.

Ich wollte eigentlich nur kaputt sein.  

So kaputt wie ich bin.

Und das sollten auch alle sehen. 

Jetzt kommt die Flut. Die Phantasie an der Macht. Autor und Regie: Michael Rutschky. Sender: N3-NDR-RB-SFB. Sendedatum: 31.10.1982. Länge: 44 Min. Produktionsjahr: 1982.

Meisterwerke, Vorbilder, Mentoren

Ich weiß nicht, ob es Meister gibt, auf alle Fälle gibt es Meisterwerke. Die »Römische Geschichte« von Theodor Mommsen zum Beispiel. Mommsen hat für sie zu Recht den Literaturnobelpreis erhalten. Die »Römische Geschichte« ist für mich eines der sprachlich schönsten Werke der deutschen Literatur. Ein anderes Meisterwerk ist »Die Traumdeutung« von Sigmund Freud. Der Siegeszug der Psychoanalyse hat auch viel mit Freuds Sprachkraft zu tun. Mich langweilen literarische Traumerzählungen in der Regel, doch »Die Traumdeutung« habe ich verschlungen.

Meisterwerke sind Fixpunkte. Autoren schreiben nicht in den leeren Raum, Autoren müssen sich immer wieder selbst verorten. Meisterwerke bieten Orientierung. Aber für meine alltägliche schriftstellerische Arbeit sind sie relativ unerheblich. Obwohl, etwas sehr Wichtiges habe ich aus Meisterwerken doch gelernt: Auch Meisterwerke können Schwächen und Fehler besitzen. Beispielsweise finde ich den Amerika-Teil in Louis-Ferdinand Célines »Reise ans Ende der Nacht« misslungen, trotzdem ist der Roman für mich ein Meisterwerk. Oder Robert Musils »Der Mann ohne Eigenschaften«: Der Roman franst aus, das ganze Romanvorhaben scheitert, dennoch ist »Der Mann ohne Eigenschaften« in meinen Augen ein Meisterwerk.

Aber als Vorbilder taugen diese Meisterwerke nicht. Warum nicht? Weil Vorbildhaftigkeit mit Zeitgenossenschaft zusammenhängt. Ich weiß nicht, wie Mommsen oder Italo Svevo oder James Joyce heute schreiben würden … Ich weiß auch nicht, ob mir ihre neuen Werke gefallen würden.
Vorbilder habe ich andere. Peter Handke zum Beispiel. Oder Rainald Goetz. Wobei sie weniger Einfluss auf mein Schreiben ausüben, als vielmehr auf meine schriftstellerische Haltung. Vorbildlich für mich sind ihre Vielseitigkeit, ihr Eigensinn und ihre Beharrlichkeit. Peter Handke und Rainald Goetz haben mich in dieser Hinsicht stark beeindruckt und beeinflusst.

Auch heutzutage entstehen Meisterwerke. Eckhard Henscheids »Trilogie des laufenden Schwachsinns« halte ich für ein Meisterwerk. Es gibt auch meisterhafte Erzählungen oder Gedichte, auch von jungen Autoren. Ich erfreue mich an diesen Werken, sie sind Ansporn, einige wecken meinen Neid – aber stärkeren Einfluss auf mein Schreiben haben die nicht meisterhaften Texte. Sie lese ich viel genauer. Ich entdecke in ihnen Dinge, die mich stören und ich frage mich, was ich anders gemacht hätte.

In eine Meisterschule bin ich nicht gegangen. Wobei ich durchaus glaube, dass man das literarische Schreiben erlernen kann – ja, ich glaube sogar, dass man als Schriftsteller nie ausgelernt hat. Das macht den Beruf phasenweise zwar unerträglich, es ist aber auch ein starker Antrieb und schützt vor Stagnation.

Am Anfang meines Schreibens habe ich viel imitiert und kopiert, bewusst und unbewusst. Eine lange Zeit habe ich versucht, wie Max Goldt zu schreiben. Das war sehr frustrierend, denn natürlich ist Max Goldt der bessere Max Goldt von uns beiden. Und ob dieses Imitieren tatsächlich hilfreich war, eine eigene Stimme auszubilden, wage ich zu bezweifeln. Es gibt meines Erachtens kürzere Wege zur Erkenntnis.

Einen Meister habe ich nicht gehabt, aber einen Mentor: Michael Rutschky. Ich kenne einige Autoren, die durch die so genannte »Rutschky-Schule« gegangen sind – ich glaube, dieses Wort ist tatsächlich angebracht. Ich habe Michael Rutschkys Bücher bewundert, ihn angeschrieben, damals war ich noch Student. Michael Rutschky wohnte in Berlin, ich im Ruhrgebiet, auf dem Germanistentag 1997 in Bonn haben wir uns das erste Mal getroffen. Ich wollte freier Autor werden, wusste aber nicht wie, natürlich hatte ich viele berechtigte Ängste. Immer wenn ich später in Berlin war, habe ich mich bei Michael Rutschky gemeldet, und er hat mich zum Bier eingeladen. Über meine Texte haben wir eigentlich nie gesprochen; er hatte einen Aufsatz von mir in seiner Zeitschrift »Der Alltag« veröffentlicht, das reichte mir als Bestätigung. Michael Rutschky hat mich gefördert, in dem er mich weiterempfahl, er hat mich beraten, oft vergeblich, und er hat mir viele Lektüretips gegeben. Am wichtigsten aber war für mich sein Vertrauen: »Herr Degens, Sie gehen schon ihren Weg.« Ohne diesen Satz wäre ich wahrscheinlich nie Schriftsteller geworden.

(Entstanden anläßlich eines Radio-Features zum Thema »Schüler und Meister« von Tobias Lehmkuhl)

Partizip Präsens

»Als ein Teilnehmer Herta Müllers Atemschaukel erwähnt, erzählt Goetz, zwar habe er das Buch nicht gelesen, aber während der Vorbereitung zu seiner Werkstatt habe er sich von Mitarbeitern des Szondi-Instituts erzählen lassen, wie es in Herta Müllers Werkstatt zuging, als sie 2005 Heiner-Müller-Gastprofessorin war. Dabei erfuhr er, dass Herta Müller das Partizip Präsens zutiefst verabscheut. ›Das fand ich einen guten Hinweis. Deswegen habe ich in meinem neuen Buch noch einige Präsenspartizipien entfernt.‹« (Jan Kedves, ›Auch aus dieser Welt einen Flash‹)

Lesen

»Ich, das ist für Goetz eine höchst irritable Entität, die ein feines Sensorium benötigt. Er spricht von der individuellen Musikalität der Sprache, von der ›eigenen Innenmelodie‹, die sich bei jedem anders anhöre. Und er sagt: ›Die Arbeit des Schreibens ist dazu da, alles, was im Ich ist, zu widerlegen.‹ Nur wer viel lese und sich vom Gelesenen wieder freimache, könne Schreiben lernen: ›Lesen ist das Wichtigste. Lesen ist Ich-Auflösung, Ich-Aufgabe.‹« (Jan Kedves, ›Auch aus dieser Welt einen Flash‹)

Asozial

»Und dann sagt er etwas, dass mich an meiner eigenen Eignung als Schriftstellerin zweifeln lässt: ›Wenn man nicht ein von Grund auf asozialer Mensch ist, ist es schlecht mit dem Schreiben.‹ Laut Goetz sollte man Freude am Alleinsein haben, nicht mit Menschen zusammen sein müssen, seine Ruhe haben wollen.« (Insa Kohler, Geschichten aus dem ›Ich-Kabuff‹)