Selfies ohne Selbst (XIV)

Mare Künstlerhaus, Wentorf

Im Mare Künstlerhaus trank ich meinen Tee aus Roger Willemsens Kanne, las in seinen Büchern und arbeitete an fünf Manuskripten gleichzeitig. Fünfundzwanzig Jahre nachdem ich ihn und seine Unterlagen in der allerersten Sitzung seines Hauptseminars versehentlich mit Kakao überschüttet hatte. Der Titel der Veranstaltung: Das Ich in der Geschichte.

Subito

»Mitte der Achtziger gab es nur wenige Bars und Kneipen für Künstler und Szenegänger im Schanzenviertel. Das Subito unweit des Schulterblatts war damals ein Treffpunkt. […] Bernd Begemann und Bela B. gingen in der Souterrain-Kneipe ein und aus. Wie alle ließ auch Unverricht dort anschreiben. Als ein Bekannter von ihm die Kneipe übernahm, half er beim Renovieren. In einer Schublade fanden sie unbezahlte Deckel. Bei rund 50.000 Mark, so schien es, hatte der alte Wirt aufgehört, die Schulden der Gäste aufzuschreiben. Heute steht der Laden leer, überall kleben Plakate und Sticker, die Eingangstür ist voller Graffiti. Nichts erinnert mehr an die Kneipe.«

(Sebastian Grunke über Max Unverricht, Freitag 30/2018)

»Das ›Subito‹ war nicht nur irgendeine Kneipe, auf deren Spuren sich nun vielleicht immerhin Doktoranden der Literaturwissenschaft setzen werden. Inmitten der saturierten späten Bundesrepublik war es ein Ort existentieller Kämpfe, die wirklich wahre Wirklichkeit im falschen Leben, eine Künstlerrepublik, ein Greenwich Village der Post-Punk-Gitarrenmusik. ›Und jetzt, los ihr Ärsche, ab ins Subito‹, lautete der letzte Satz des Textes, auf den Rainald Goetz 1983 in Klagenfurt das Blut tropfen ließ, als er sich beim Bachmannwettlesen mit einer Rasierklinge die Stirn aufschlitzte. Eine Szene, die längst in die Literaturgeschichte eingegangen ist. […] Ein Drittel der ›Subito‹-Stammgäste von damals hat sich inzwischen garantiert totgetrunken oder irgendwie den Absprung geschafft. Ein weiteres Drittel wurde erst mal Musik- und dann Magazin-Journalist. Und das restliche Drittel trat den langen künstlerischen Marsch durch die Institutionen an. Blixa Bargeld von den Einstürzenden Nachbauten macht inzwischen so etwas wie Hochkultur-Avantgarde. Diedrich Diederichsen ist Kunstprofessor. Nick Cave hat es irgendwie geschafft, älter zu werden. Und Rainald Goetz – 1954 geboren, Immermitschreiber, Doppel-Doktor in Geschichte und Medizin, passionierter Fahrradfahrer, Autor von inzwischen etwa einem Dutzend Bücher –, Rainald Goetz hat jetzt den Büchnerpreis, immer noch Deutschlands renommierteste Literaturauszeichnung.«

(Dirk Knipphals, taz 8.7.2015)

»– Thema Rock’n’Roll und so: Am meisten gings damals ab im SUBITO an der Stresemann-, Ecke Juliusstraße. Alter, dat war Rock’n’Roll! Nick Cave is da hingegangen, Blixa Bargeld und die ganzen Hamburger Abwärts-Typen. Die Musik war eher so punkig, Neubauten und so weiter. Kein DJ, alles von Tape oder CD. Clubkultur, sach ich mal, so mit DJ in fast jedem Laden, das kam erst später. Zum Schluss jedenfalls, als der Laden fertig war, hat der Besitzer Kasper alle unbezahlten Deckel an die Kneipenwand genagelt. 50 Mark. 100 Mark. Einer, von Nick Cave, glaube ich, hundert-drei-und-dreißig Mark, Alter. Dabei kostete dat Bier damals nur einsfuffzich! […] Irgendwann stand das Ding leer, einzwei Jahre. Und dann, was kam da rein? Ich weiß et jarnich genau… Kinderklamotten, oder so.«

(St. Pauli normal, Charly König, Rock’n’Roll, Tekkno und Dark Rooms)

»›Ihr hattet die Power, den Willen, den Mut, heute Abend rauszugehen. Ihr habt mehr Power als die meisten, die diesen Weg nicht gewagt haben. Dieser Applaus ist euer Applaus!‹ Rocko Schamoni sitzt zwischen Bierflaschen und einem Sektkübel auf der Bühne im Festsaal Kreuzberg und flirtet sein Publikum extrem platt an. Man nimmt es ihm nicht übel, denn so ein Verhalten ist den Lesern seines Romans ›Sternstunden der Bedeutungslosigkeit‹ bekannt. […] Wenn Schamonis Protagonist Michael Sonntag an die Hamburger Frauen ran will, dann packt er noch viel dreistere Plattitüden aus. Donnerstagnacht zieht es die ›Überflüssigen‹ Hamburgs in Schamonis Roman Richtung Kiez. Die Nächte enden nach einigen Linien Speed frühmorgens im alkoholischen Exzess. Die, die heute durch die vermeintliche Katastrophennacht zum Festsaal gewatet sind, wirken da vergleichsweise brav. […] Als die Eckkneipe an der Hamburger Stresemannstraße noch Subito hieß, waren die meisten hier für Abstürze noch zu jung. Im Buch wird der Laden Nasenbär genannt, heute heißt er tatsächlich so, und bietet – Ironie der Zeit – Artikel für Mutterglück und Kinderträume an. Fakt oder Fiktion, Wechsel der Generationen, allüberall.«

(Christine Käppeler, taz 23.6.2007)

Selfies ohne Selbst (XIII)

Amherst, Nova Scotia

Ein Zimmer wie in einem amerikanischen Road-Movie. Das Doppelbett, der Fernseher, hinten die Tür ins Badezimmer … Die einzige Fluchtmöglichkeit. Durch die aufgezogenen Vorhänge des Fensters sehe ich auf den Parkplatz, auf die von einer Laterne angestrahlten Schneehaufen und die Dunkelheit dahinter. Ich fotografiere die Ansicht vom Bett aus und veröffentliche das Bild auf Twitter. Mein alter Freund Jochen reagiert sofort und fragt, was in der großen schwarzen Plastiktüte neben der Tür sei. Er vermutet ein Kopf.

GOLD Volume 1 (25 Jahre SUKULTUR) || Soundcloud-Compilation

GOLD Volume 1 || (25 Jahre SUKULTUR)

ANJA KÜMMEL
1) Shell: Gold (Strähne für Strähne)

DANIEL KULLA
2) Classless Kulla & Max Volume: Passt auf euch auf (Lasterfahrer Party Mix)

MARIOLA BRILLOWSKA
3) Mariola Brillowska: EUROPA HYMNE

LINUS VOLKMANN 
4) Bum Khun Cha Youth: Eichhörnchen Im Erdnussfieber

WOLFGANG MÜLLER
5) Die Tödliche Doris: Acht-Jahres-Pause / Eight-Year Pause

DAVID WAGNER
6) Britta: Was alles fehlt

PAUL ANTON BANGEN/MARC DEGENS
7) Superschiff: Frauen mit Fehler

BDOLF
8) Pascal Bonnard: Gesinnungsprüfung (Pascal Bonnard feat. Bdolf)

THOMAS MEINECKE
9) F.S.K.: Fragen Der Philosophie (Völkerball)

KAAJA HOYDA
10) Stendal Blast: In diesem Sinne

GERALD FIEBIG
11) Gerald Fiebig — Water Music

THE SUKULTURS
12) The Sukulturs: S(u)KuLTuR (Südharzreise-Remix feat. DRadio Kultur)

Making of Fuckin Sushi

Freitag, 29. Juni 2012, Bonn

Mittags Sushi essen, im Kopf konzipiere ich einen neuen lustigen Gegenwartsroman, Knie 2.

Samstag, 30. Juni 2012, Bonn

Mittags zur Eisdiele nach Friesdorf, unterwegs viele Ideen für das neue Romanprojekt mit dem Titel Anders.

Montag, 2. Juli 2012, Bonn

Morgens Anfang an Anders. Komme gut voran. Nachmittags zweite Schreibrunde am zweiten Kapitel.

Mittwoch, 4. Juli 2012, Bonn

Morgens Arbeit an Anders. Am späten Nachmittag zum Dylan-Konzert. Um 22 Uhr 45 wieder daheim mit vielen Eindrücken.

Freitag, 6. Juli 2012, Bonn

Morgens Arbeit am Abrentnern-Kapitel. Neuer Romantitel: Das längste Lied der Welt. Zweifel: Ist das nicht viel zu banal? Und habe ich das nicht alles schon einmal in meinen früheren Büchern geschrieben? Die Leute, die Szenen und Einfälle? 

weiterlesen…

Aladin El-Mafaalani hat recht

1. Als ich aus der von mir mitgegründeten Band geflogen war, schrieb ich meinen ersten Roman – aus Rache. Von November 1994 bis Januar 1996, jede Woche mindestens fünf Seiten. Bei meinem Semesterferienjob in der Poststelle vervielfältige ich das Manuskript dreißigmal und verschickte es an alle mir bekannten Verlage: Suhrkamp, Rowohlt, Hanser, Kiepenheuer & Witsch … Ein Freund empfahl mir auch noch einen mir unbekannten Verlag in Schwaben, Alkyon, dem ich den Roman ebenfalls schickte. Die erste Antwort, die ich auf meine unverlangte Manuskripteinsendung erhielt, war eine Veröffentlichungszusage. Danach folgten neunundzwanzig Absagen. Im Herbst 1997 erschien mein Roman dann unter dem Titel »Vanity Love« mit einem Klappentext von Dietmar Dath im Alkyon Verlag. Die einzige Rezension, die mein Roman bekam, war ein Verriss in dem Science-Fiction-Fanzine des späteren Perry-Rhodan-Chefredakteurs. Ich war 26 Jahre alt und kein Debütant mehr.

2. In einer von meinem Lektor gestrichenen, autofiktionalen Romanszene erzählte ich über meine Schreibanfänge, ausgelöst durch meine Nichtversetzung in die zehnte Klasse: »In den Sommerferien keimte in mir der Wunsch auf, Schriftsteller zu werden. Durch mein Schulversagen hatte mein Selbstwertgefühl einen erheblichen Knacks bekommen; nun fühlte ich mich nicht mehr nur hässlich, sondern dazu auch noch dumm. Da ich endlich – nach mehreren Jahren – Freunde in meiner alten Jahrgangsstufe gefunden hatte und darüber hinaus von den meisten Mitschülern durch meine unauffällige Anbiederei akzeptiert wurde, stürzte mich die unumkehrbare, grausam empfundene Umpflanzung in erste Depressionen. Meine ausgeprägten Minderwertigkeitsgefühle versuchte ich schließlich durch äußerliche und auch innerlich permanent wachsende Extravaganzen zu vertuschen, und zu Beginn der Sommerferien nahm ich mir vor, Kenntnisse in der ernsthaften Literatur zu erwerben. Zum einen suchte ich in der Literatur Flucht, zum anderen Feinsinn. Meiner Person sollte das Lesen Erhabenheit einhauchen. Wenn schon ein Versager, dann wenigstens ein bewundernswerter Versager. Den Urlaub mit meinen Eltern am Balaton nutzte ich zur eifrigen Lektüre. In einem Antiquariat in Budapest erstand ich, neben den Reisebeschreibungen des Marco Polo, zwei Bände aus Friedrich von Schillers Gesammelten Werken. Einen Band mit seinen sämtlichen Gedichten, der andere mit seinen ersten drei Prosadramen: zwei bibliophile Bücher von 1898 in Sütterlinschrift für jeweils sechs Mark. Nach zwei Tagen hatte ich Schillers Gedichte im Schnelldurchlauf gelesen, nach weiteren drei Tagen die Theaterstücke, die mich besonders begeisterten. Nun fühlte ich mich als Literaturkenner und sah mich befähigt, mein erstes Drama in Angriff zu nehmen. Der Stoff war schnell gefunden. Wie Schiller in vielen seiner Dramen, etwa bei Wallenstein oder Wilhelm Tell, griff auch ich auf historische Begebenheiten zurück. Die Handlung meines ersten dramatischen Fragmentes bezog sich auf ein kleines Kapitel aus den Reisebeschreibungen Marco Polos. Diese Lektüre bildete meine einzige Recherche, eifrig begann ich mit der Verdichtung des Stückes um Macht, Verrat und Blut. 

Um der Macht willen werden die engsten Freunde zu ärgsten Feinden. Da schützt auch keine Blutsverwandtschaft.

Arghun

Erst nach elf Seiten verließ mich die Lust. Mit dem Ergebnis war ich hochzufrieden; ich erhob die mitten im Text abgebrochene Literatur zur neuen Kunstform. Nach den meine Schulnöte verdrängt habenden Sommerferien ging ich im veränderten Outfit – mit Ohrring und bezopft – schweren Herzens in meine neue Klasse. Ebenso schnell wie ich die fremde Umgebung und einige meiner Schulkameraden zu schätzen lernte, musste ich die Schule auch schon wieder verlassen, da es abzusehen war, dass meine Leistungen immer noch nicht für eine Versetzung ausgereicht hätten. So kehrte ich dem Gymnasium den Rücken und setzte meine Schullaufbahn auf einer Realschule fort.«

3. Inzwischen bin ich neunundvierzig Jahre alt, habe vier Romane und diverse andere Bücher veröffentlicht, wurde mit Stipendien und Literaturpreisen bedacht, habe als erster meiner Familie einen Universitätsabschluss und bin als erster männlicher Degens nicht vorbestraft. Eine Literaturagentin nannte mich kürzlich einen »renommierten Autor« und ich bin wohl das, was man einen erfolgreichen Bildungsaufsteiger nennt. Aladin El-Mafaalani schreibt in seinem Buch »Mythos Bildung«: »Erfolgreiche Aufstiegsbiographien haben ihren Startpunkt – entgegen mancher Vermutung – gerade nicht in dem klassischen Aufstiegsmotiv, reich und berühmt werden zu wollen. Weder gab es einen vorgefassten Plan, noch wollten diejenigen überhaupt besonderen Erfolg. […] Erfolgreiche Bildungsaufsteigerinnen und -aufsteiger haben vielmehr an irgendeinem Punkt in ihrer Biografie das eigene Denken und Handeln problematisiert. Aus dieser Perspektive entwickelten sie ein Bedürfnis nach einer zunächst noch unspezifischen Veränderung und anschließend den Drang, an sich selbst zu arbeiten, sich selbst zu verändern.« (S. 148f.) Damit unterscheidet er sie von denjenigen, die die klassischen Aufstiegsmotive vor Augen haben, die insbesondere von der Sport- und Unterhaltungsindustrie stimuliert werden. »Reich und berühmt zu werden, das ist der Traum von fast allen Kindern und Jugendlichen aus unteren Schichten, gerade weil ihnen in besonderer Weise Geld und Anerkennung fehlen. Wer reich und berühmt werden möchte, der ist zum einen mit sich selbst – so wie man derzeit ist – zufrieden, sieht lediglich in äußeren Rahmenbedingungen ein Problem (insbesondere das fehlende Geld) und wird zum anderen auch durch relativ attraktive Aufstiegsfantasien von langwierigen und mühsamen Bildungslaufbahnen abgelenkt. Bestimmte Vorbilder, insbesondere Sportler und Musiker, suggerieren, dass man reich und berühmt werden kann, auch wenn man so bleibt, wie man ist. Der Aufstiegstraum benachteiligter Kinder lässt sich mit der Formel ›vom Gettokid zum Gangsta-Rapper oder Fußball-profi‹ fassen. Lukas Podolski, Mesut Özil, Bushido oder Haftbefehl sind Vorbilder, weil sie reich und berühmt sind, gleichzeitig aber ihre Sprache und ihr Auftreten ­– ihren Habitus – beibehalten haben. Sie suggerieren, dass man es schaffen kann, ohne sich zu verändern. Nicht zuletzt haben sich unter anderem durch Castingshows und digitale Netzwerke ganze Industrien rund um diesen Traum vom Aufstieg ohne Bildung gebildet.« (S. 148f.) Im Gegensatz dazu geht es den Bildungsaufsteigerinnen und -aufsteigern »in der Regel nicht um Geld oder Macht, ja nicht einmal um einen sozialen Aufstieg, sondern um eine individuelle Veränderung. Sie haben den Drang, sich weiterzuentwickeln, wollen mehr Autonomie oder interessieren sich für ein spezifisches Thema. Ausgangspunkt ist oft eine generelle Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben, mit sich selbst – und nicht selten auch Kritik am Herkunftsmilieu. Die persönliche Weiterentwicklung, die Ausweitung von Denk- und Handlungsspielräumen, das Streben nach Wissen, ästhetischen Erlebnissen oder moralischen Ansprüchen bilden in den Aufstiegsbiografien zentrale Ankerpunkte. Über diese Anker verwandeln sich Welt- und Selbstbilder in weitreicher Form – das ist also Bildung im engsten Sinne, eine Veränderung der Persönlichkeit.« (S. 149)

4. Aladin El-Mafaalani hat recht.

Hugo Ball (Halloween 2020)

Polaroid von Katharina Duve.

»Hugo Ball ist durch seinen frühen Ausstieg aus dem Cabaret Voltaire, der Hinwendung zur Mystik katholischer Provenienz und seinen Krebstod mit einundvierzig Jahren zur Legende geworden. Die Radikalität seiner Weltverneinung, die Klarheit über sein Scheitern als avantgardistischer Künstler spricht aus dem Titel seines im Todesjahr 1927 veröffentlichten und, die Tage Dadas betreffend, immer wieder zitierten Tagebuchs: ›Flucht aus der Zeit‹. Durch den Bruch mit der zürcher Avantgardeszene, deren Mitglieder allesamt keine 5-Sterne-Exilanten waren, und seinen Rückzug mit Emmy Hennings an den damals schon seit Jahren von Esoterikern frequentierten Lago Maggiore im Jahr 1917 ist er im Exil noch einmal exiliert, hat er mit seiner Vergangenheit zwiefach gebrochen. Ball kam vom Theater, aus der Umgebung Max Reinhardts, und der Endzwanziger (Benn-Jahrgang 1886) war auf dem besten Weg, als Regisseur und/oder Dramaturg Karriere zu machen; der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der damit verbundene Weggang aus Deutschland vereitelten das. Sein Interesse an Stanislavskij, an außereuropäischen Theaterformen ist bekannt, und auf Balls Anregung dürfte die Beschäftigung der dadaistischen Gesamtkunstwerker mit Masken(bau und -einsatz) zurückgehen; der Simultaneitätsgedanke, realisiert in den live acts der Matineen und Soireen, deutet gerade auf Ball hin. Nicht weniger publikumswirksam wie die Aufführung von Simultangedichten, dieser Überlagerung verschiedener Tonspuren – heute teils von Internetautoren weiterbetrieben, die auch das Erbe der visuellen Poesie zu verwalten scheinen: elektronische Technopägnien einer neuen Emblematik, naives Barock einer Spätzeit–, war die Entwicklung und Performance von Balls Lautgedichten: sein konsequentester Beitrag zum modernen Gedicht und zugleich sein Abschied von der Moderne, nicht von der Philologie.«

Thomas Kling, Itinerar, Suhrkamp 1997, S. 31f.