Als ich sechzehn Jahre alt war, lernte ich Wolfgang kennen, den ersten Germanistikstudenten meines Lebens. Er war Mitte dreißig, ein Fossiliensammlerfreund meiner Tante und meines Onkels, studierte Germanistik im fünfundzwanzigsten oder fünfunddreißigsten Semester und wohnte mit seiner Freundin Karin in einer riesigen Altbauwohnung in einem szenigen, linksalternativen Stadtteil von Hannover mit Flipperkneipen, Ökoläden und viel Graffiti. Während er an seiner Abschlussarbeit über die damals noch real-existierende DDR-Literatur schrieb und sich viel Zeit dabei ließ, war Karin bereits mit dem Lehramtsstudium fertig und arbeite halbjahresweise als Aushilfslehrerin im Schulunterricht. Die andere Hälfte des Jahres verbrachten die zwei vornehmlich in Irland, fuhren mit ihrem Camper herum und angelten Lachse, die sie hinterher verkauften. Für den Lachsfang stellte Wolfgang eigene Angelhaken her, die er mit großen, bunten und prächtig schimmernden Vogelfedern verzierte und in Deutschland auf Trödelmärkten anbot, zum Fischen oder als Schmuck. Den Haken, den mir Wolfgang schenkte, trug ich voller Stolz als Ohrring in der Schule oder in der Diskothek zur Schau, obwohl er dafür denkbar ungeeignet war, denn ständig verfing sich der spitze Widerhaken im Stoff der weiten Blumenhemden, die ich damals trug, und ließ sich nur unter Schmerzen und mit einigen Mühen wieder lösen.
Meine Tante und mein Onkel, die beide nach der Volksschule in die Lehre gegangen waren und es mittlerweile zu einer Eigentumswohnung, einem Mercedes, einem Zweitwagen und einigem Wohlstand gebracht hatten, mochten Karin und Wolfgang, rümpften aber über deren Lebensstil die Nase und fanden die Wohnung der beiden armselig und zugemüllt. Dabei besaßen die zwei mehrere Kompaktstereoanlagen, für jeden Raum eine, die Wolfgang im Sperrmüll gefunden hatte, und sogar einen CD-Player, noch bevor sich meine Tante und mein Onkel einen angeschafft hatten. Auch dieser war angeblich kaputt gewesen und von Wolfgang gerettet und wieder zum Laufen gebracht worden. Ich bewunderte die Haltung der beiden, ihre Freiheit und Lässigkeit. Sicherheit und ein festes Einkommen waren ihnen nicht wichtig. Immer wenn das Geld knapp wurde, nahm Wolfgang kurzfristig einen Studentenjob an, half bei Umzügen, auf dem Bau oder fegte Hallen aus. Über die Zukunft machte er sich keine Sorgen. Sein Plan war es, später Bundestagsabgeordneter der Grünen zu werden und so innerhalb kurzer Zeit Ansprüche auf eine ordentliche Altersversorgung zu erwerben.
Im Jahr, als die Mauer fiel, wurde ich 18 Jahre alt und das zeitgenössische Thema von Wolfgangs Abschlussarbeit historisch. Er schrieb trotzdem weiter. Durch ihn hatte ich erfahren, was Seminare, Scheine und Vorlesungen sind, und daraufhin den Plan gefasst, nach dem Abitur ebenfalls Germanistik zu studieren. Eigentlich wollte ich Schriftsteller werden, aber das schien mir damals ein völlig unrealistisches Unterfangen. Die Gruppe 47 dominierte immer noch den öffentlichen Diskurs. Suhrkamp Culture galt in vielen Kreisen als Schimpfwort und als Synonym für das Kreisen um die eigene Schreibblockade. Programmplätze für deutschsprachige Debütanten waren bei Verlagen kaum vorgesehen, schon gar nicht für Debütantinnen. Stattdessen verschenkten die Westdeutschen lieber millionenfach Patrick Süskinds »Das Parfüm«. Also fing ich an, Germanistik und Soziologie zu studieren. Auf Magister. Auf diese Weise wurde ich auch vorläufig von der Bundeswehr und dem Zivildienst freigestellt.
In dem ersten Linguistik-Seminar, dass ich besuchte, warnte der Privatdozent eindringlich vor diesem Studium, da die vornehmliche Beschäftigung eines künftigen Magisters der Germanistik das Taxifahren sei. Aus diesem Grund habe ich damals keinen Führerschein gemacht. Meinen Berufswunsch nach dem Studium beschrieb ich vage als »freischaffender Arbeitsloser«. Meine Eltern waren entsetzt und meine Tante und mein Onkel konnten darüber nur den Kopf schütteln. 1997 erschien mein erster Roman, zwei Jahre später machte ich meinen Magisterabschluss und lebe seither als freier Schriftsteller. Durch das Studium habe ich das Ordnungssystem meiner Bibliothek kennengelernt und lese bis heute gern literaturwissenschaftliche Bücher. Wolfgang ist nicht Bundestagsabgeordneter der Grünen geworden, sondern stieg in den 1990er Jahren in die Immobilienfirma seines älteren Bruders ein. In kurzer Zeit hatte er es so zu einem Eigenheim und einigem Wohlstand, vielleicht sogar Reichtum gebracht und den Kontakt zu meiner Tante und meinem Onkel abgebrochen. Dass er seine Abschlussarbeit über die DDR-Literatur beendet hat, wage ich zu bezweifeln.

Erstveröffentlicht in »Am Erker – Zeitschrift für Literatur« Nr. 88 mit dem Thema »Das will ich auch – Literarische Lebensentwürfe«, Frühjahr 2025.
