Aladin El-Mafaalani hat recht

1. Als ich aus der von mir mitgegründeten Band geflogen war, schrieb ich meinen ersten Roman – aus Rache. Von November 1994 bis Januar 1996, jede Woche mindestens fünf Seiten. Bei meinem Semesterferienjob in der Poststelle vervielfältige ich das Manuskript dreißigmal und verschickte es an alle mir bekannten Verlage: Suhrkamp, Rowohlt, Hanser, Kiepenheuer & Witsch … Ein Freund empfahl mir auch noch einen mir unbekannten Verlag in Schwaben, Alkyon, dem ich den Roman ebenfalls schickte. Die erste Antwort, die ich auf meine unverlangte Manuskripteinsendung erhielt, war eine Veröffentlichungszusage. Danach folgten neunundzwanzig Absagen. Im Herbst 1997 erschien mein Roman dann unter dem Titel »Vanity Love« mit einem Klappentext von Dietmar Dath im Alkyon Verlag. Die einzige Rezension, die mein Roman bekam, war ein Verriss in dem Science-Fiction-Fanzine des späteren Perry-Rhodan-Chefredakteurs. Ich war 26 Jahre alt und kein Debütant mehr.

2. In einer von meinem Lektor gestrichenen, autofiktionalen Romanszene erzählte ich über meine Schreibanfänge, ausgelöst durch meine Nichtversetzung in die zehnte Klasse: »In den Sommerferien keimte in mir der Wunsch auf, Schriftsteller zu werden. Durch mein Schulversagen hatte mein Selbstwertgefühl einen erheblichen Knacks bekommen; nun fühlte ich mich nicht mehr nur hässlich, sondern dazu auch noch dumm. Da ich endlich – nach mehreren Jahren – Freunde in meiner alten Jahrgangsstufe gefunden hatte und darüber hinaus von den meisten Mitschülern durch meine unauffällige Anbiederei akzeptiert wurde, stürzte mich die unumkehrbare, grausam empfundene Umpflanzung in erste Depressionen. Meine ausgeprägten Minderwertigkeitsgefühle versuchte ich schließlich durch äußerliche und auch innerlich permanent wachsende Extravaganzen zu vertuschen, und zu Beginn der Sommerferien nahm ich mir vor, Kenntnisse in der ernsthaften Literatur zu erwerben. Zum einen suchte ich in der Literatur Flucht, zum anderen Feinsinn. Meiner Person sollte das Lesen Erhabenheit einhauchen. Wenn schon ein Versager, dann wenigstens ein bewundernswerter Versager. Den Urlaub mit meinen Eltern am Balaton nutzte ich zur eifrigen Lektüre. In einem Antiquariat in Budapest erstand ich, neben den Reisebeschreibungen des Marco Polo, zwei Bände aus Friedrich von Schillers Gesammelten Werken. Einen Band mit seinen sämtlichen Gedichten, der andere mit seinen ersten drei Prosadramen: zwei bibliophile Bücher von 1898 in Sütterlinschrift für jeweils sechs Mark. Nach zwei Tagen hatte ich Schillers Gedichte im Schnelldurchlauf gelesen, nach weiteren drei Tagen die Theaterstücke, die mich besonders begeisterten. Nun fühlte ich mich als Literaturkenner und sah mich befähigt, mein erstes Drama in Angriff zu nehmen. Der Stoff war schnell gefunden. Wie Schiller in vielen seiner Dramen, etwa bei Wallenstein oder Wilhelm Tell, griff auch ich auf historische Begebenheiten zurück. Die Handlung meines ersten dramatischen Fragmentes bezog sich auf ein kleines Kapitel aus den Reisebeschreibungen Marco Polos. Diese Lektüre bildete meine einzige Recherche, eifrig begann ich mit der Verdichtung des Stückes um Macht, Verrat und Blut. 

Um der Macht willen werden die engsten Freunde zu ärgsten Feinden. Da schützt auch keine Blutsverwandtschaft.

Arghun

Erst nach elf Seiten verließ mich die Lust. Mit dem Ergebnis war ich hochzufrieden; ich erhob die mitten im Text abgebrochene Literatur zur neuen Kunstform. Nach den meine Schulnöte verdrängt habenden Sommerferien ging ich im veränderten Outfit – mit Ohrring und bezopft – schweren Herzens in meine neue Klasse. Ebenso schnell wie ich die fremde Umgebung und einige meiner Schulkameraden zu schätzen lernte, musste ich die Schule auch schon wieder verlassen, da es abzusehen war, dass meine Leistungen immer noch nicht für eine Versetzung ausgereicht hätten. So kehrte ich dem Gymnasium den Rücken und setzte meine Schullaufbahn auf einer Realschule fort.«

3. Inzwischen bin ich neunundvierzig Jahre alt, habe vier Romane und diverse andere Bücher veröffentlicht, wurde mit Stipendien und Literaturpreisen bedacht, habe als erster meiner Familie einen Universitätsabschluss und bin als erster männlicher Degens nicht vorbestraft. Eine Literaturagentin nannte mich kürzlich einen »renommierten Autor« und ich bin wohl das, was man einen erfolgreichen Bildungsaufsteiger nennt. Aladin El-Mafaalani schreibt in seinem Buch »Mythos Bildung«: »Erfolgreiche Aufstiegsbiographien haben ihren Startpunkt – entgegen mancher Vermutung – gerade nicht in dem klassischen Aufstiegsmotiv, reich und berühmt werden zu wollen. Weder gab es einen vorgefassten Plan, noch wollten diejenigen überhaupt besonderen Erfolg. […] Erfolgreiche Bildungsaufsteigerinnen und -aufsteiger haben vielmehr an irgendeinem Punkt in ihrer Biografie das eigene Denken und Handeln problematisiert. Aus dieser Perspektive entwickelten sie ein Bedürfnis nach einer zunächst noch unspezifischen Veränderung und anschließend den Drang, an sich selbst zu arbeiten, sich selbst zu verändern.« (S. 148f.) Damit unterscheidet er sie von denjenigen, die die klassischen Aufstiegsmotive vor Augen haben, die insbesondere von der Sport- und Unterhaltungsindustrie stimuliert werden. »Reich und berühmt zu werden, das ist der Traum von fast allen Kindern und Jugendlichen aus unteren Schichten, gerade weil ihnen in besonderer Weise Geld und Anerkennung fehlen. Wer reich und berühmt werden möchte, der ist zum einen mit sich selbst – so wie man derzeit ist – zufrieden, sieht lediglich in äußeren Rahmenbedingungen ein Problem (insbesondere das fehlende Geld) und wird zum anderen auch durch relativ attraktive Aufstiegsfantasien von langwierigen und mühsamen Bildungslaufbahnen abgelenkt. Bestimmte Vorbilder, insbesondere Sportler und Musiker, suggerieren, dass man reich und berühmt werden kann, auch wenn man so bleibt, wie man ist. Der Aufstiegstraum benachteiligter Kinder lässt sich mit der Formel ›vom Gettokid zum Gangsta-Rapper oder Fußball-profi‹ fassen. Lukas Podolski, Mesut Özil, Bushido oder Haftbefehl sind Vorbilder, weil sie reich und berühmt sind, gleichzeitig aber ihre Sprache und ihr Auftreten ­– ihren Habitus – beibehalten haben. Sie suggerieren, dass man es schaffen kann, ohne sich zu verändern. Nicht zuletzt haben sich unter anderem durch Castingshows und digitale Netzwerke ganze Industrien rund um diesen Traum vom Aufstieg ohne Bildung gebildet.« (S. 148f.) Im Gegensatz dazu geht es den Bildungsaufsteigerinnen und -aufsteigern »in der Regel nicht um Geld oder Macht, ja nicht einmal um einen sozialen Aufstieg, sondern um eine individuelle Veränderung. Sie haben den Drang, sich weiterzuentwickeln, wollen mehr Autonomie oder interessieren sich für ein spezifisches Thema. Ausgangspunkt ist oft eine generelle Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben, mit sich selbst – und nicht selten auch Kritik am Herkunftsmilieu. Die persönliche Weiterentwicklung, die Ausweitung von Denk- und Handlungsspielräumen, das Streben nach Wissen, ästhetischen Erlebnissen oder moralischen Ansprüchen bilden in den Aufstiegsbiografien zentrale Ankerpunkte. Über diese Anker verwandeln sich Welt- und Selbstbilder in weitreicher Form – das ist also Bildung im engsten Sinne, eine Veränderung der Persönlichkeit.« (S. 149)

4. Aladin El-Mafaalani hat recht.