Hugo Ball (Halloween 2020)

Polaroid von Katharina Duve.

»Hugo Ball ist durch seinen frühen Ausstieg aus dem Cabaret Voltaire, der Hinwendung zur Mystik katholischer Provenienz und seinen Krebstod mit einundvierzig Jahren zur Legende geworden. Die Radikalität seiner Weltverneinung, die Klarheit über sein Scheitern als avantgardistischer Künstler spricht aus dem Titel seines im Todesjahr 1927 veröffentlichten und, die Tage Dadas betreffend, immer wieder zitierten Tagebuchs: ›Flucht aus der Zeit‹. Durch den Bruch mit der zürcher Avantgardeszene, deren Mitglieder allesamt keine 5-Sterne-Exilanten waren, und seinen Rückzug mit Emmy Hennings an den damals schon seit Jahren von Esoterikern frequentierten Lago Maggiore im Jahr 1917 ist er im Exil noch einmal exiliert, hat er mit seiner Vergangenheit zwiefach gebrochen. Ball kam vom Theater, aus der Umgebung Max Reinhardts, und der Endzwanziger (Benn-Jahrgang 1886) war auf dem besten Weg, als Regisseur und/oder Dramaturg Karriere zu machen; der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der damit verbundene Weggang aus Deutschland vereitelten das. Sein Interesse an Stanislavskij, an außereuropäischen Theaterformen ist bekannt, und auf Balls Anregung dürfte die Beschäftigung der dadaistischen Gesamtkunstwerker mit Masken(bau und -einsatz) zurückgehen; der Simultaneitätsgedanke, realisiert in den live acts der Matineen und Soireen, deutet gerade auf Ball hin. Nicht weniger publikumswirksam wie die Aufführung von Simultangedichten, dieser Überlagerung verschiedener Tonspuren – heute teils von Internetautoren weiterbetrieben, die auch das Erbe der visuellen Poesie zu verwalten scheinen: elektronische Technopägnien einer neuen Emblematik, naives Barock einer Spätzeit–, war die Entwicklung und Performance von Balls Lautgedichten: sein konsequentester Beitrag zum modernen Gedicht und zugleich sein Abschied von der Moderne, nicht von der Philologie.«

Thomas Kling, Itinerar, Suhrkamp 1997, S. 31f.