Öffentlicher Dienst: Rocko Schamoni

Achtung! Eichhörnchen

Montag, 17. Mai 2021, Hamburg/Schönberg

Bis 6 Uhr 15 geschlafen. Kaffee und lesen im Bett, danach Mini-Morgengymnastik und Brötchenfrühstück. Mail an Aleks Scholz, packen und kurz bei Doktor Rehder, die mir eine Impfbescheinigung für die Prioritätengruppe 3 ausstellt. Gemütliches Packen und Einräumen des Autos, um halb zwölf los. Durch Hamburg auf die A7 und dann durch Kiel bis Heikendorf (Kreis Plön). Halt auf dem Rewe-Parkplatz und Gang durch Alt-Heikendorf an der Buchhandlung Heikendorfer Bücherinsel vorbei bis zum Anleger Altheikendorf. In Heikendorf leben insgesamt 8.369 Einwohner lese ich auf Wikipedia: »Sichtbares Wahrzeichen ist das direkt an der Kieler Förde gelegene U-Boot-Ehrenmal Möltenort für die deutschen U-Boot-Fahrer beider Weltkriege, das von der Bronzeplastik eines überlebensgroßen Seeadlers überragt wird. Die alte Bronzefigur wurde im Jahr 2001 durch einen Neuguss, gespendet von der Witwe eines U-Boot-Kommandanten, ersetzt.« Berühmte Persönlichkeiten: Zahlreiche unbekannte niederdeutsche Autoren und Autorinnen – es scheint die Heikendorfer zum Stift zu drängen! – und Robert Habeck, der Bundesvorsitzende der Partei, die ich wähle. Auch ein Schriftsteller. Schlendern an der Boutique vestitum mode & accessoires vorbei und weiter bis zur Eisdiele, dann auf der anderen Straßenseite zurück und kurze Weiterfahrt nach Schönberg. Um 15 Uhr stellen wir das Auto ab, eine Stunde bevor wir die Schlüssel abholen können. Spaziergang am Deich bei Nieselregen, dann Warten vor der Rezeption mit anderen Gästen, alle nervig. Nach dreißig Minuten haben wir endlich die Schlüssel. Umparken und Einkauf bei Edeka im Nachbarort, da der Supermarkt vor der Tür bereits seit 16 Uhr geschlossen ist. Auspacken, ankommen, relaxen, Bier.

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Dienstag, 18. Mai 2021, Schönberg

Bis kurz nach 7 geschlafen. Die Krups-Kaffeemaschine angeschaltet … Der Brühprozess dauert über eine halbe Stunde, wahrscheinlich wurde die Maschine noch nie entkalkt. Lesen und Kaffee aus den Mini-Tassen, die ich der Maschine zwischenzeitlich abringe – ich komme mir vor wie ein Bonsai-Gärtner. Mini-Stretching und Müslifrühstück. Lesen und Notizen für mein Giancarlo-Projekt. Um Viertel nach neun verlassen wir die Ferienwohnung. Wir fahren nach Panker zu dem Hotel, von dem Nina und Markus geschwärmt haben, und machen unterwegs einen Halt am Hessenstein, einem neogotischen Turm mit einem idyllisch gelegenen Restaurant davor, das Forsthaus Hessenstein. Für einen Euro Besteigung des polygonalen Turms, von dem aus wir die Ostsee sehen können. Danach mit dem Auto zum Gut Panker. Spaziergang durch das hübsche, an einem bezaubernden See gelegene Gutsdorf. Das Herrenhaus diente 1967 als Kulisse bei der Verfilmung der Novelle »Rheinsberg« von Kurt Tucholsky mit Cornelia Froboess. Weiter nach Lütjenburg. Parken und Spaziergang durch die Innenstadt im Nieselregen. Um die Innengastronomie zu benutzen, bedarf es eines Corona-Tests, der nicht älter als 24 Stunden ist. In der Apotheke am Marktplatz erkundigen wir uns, erhalten aber nur rudimentäre Auskünfte. Da wir ziemlich hungrig sind, essen wir am Markt in einer Metzgerei den Mittagstisch: Gulasch Szegediner Art mit Kartoffeln. Es ist so wie das Wetter: durchwachsen. Auch zwei berühmte Söhne der Stadt sind Schriftsteller. Zum einen der schillernde Hans Eppendorfer, der wegen Raubmordes verurteilt wurde und im Knast mit dem Schreiben begann, und zum anderen Rocko Schamoni. Ich kann mir gut vorstellen, wie Rocko als junger Dorfpunk durch die Stadt streifte und dann beim Metzger mit Daniel Richter, der ebenfalls in Lütjenburg aufwuchs, das Szegediner Gulasch in sich reinschaufelte. Um halb zwei wieder in der Ferienwohnung.

Mittwoch, 19. Mai 2021, Schönberg


Bis kurz nach 7 geschlafen. Alpträume, aber trotzdem besser geschlafen als am Vortag. Um kurz vor halb zehn verlassen wir die Wohnung und fahren zum Corona-Testzentrum, das im Ferienzentrum Holm untergebracht ist, einer scheußlichen Anlage, die 1972 eröffnet wurde. »Wie ein Flakturm ragt das Holmer Hochhaus auf«, schrieb der Spiegel 1972 über das Ferienzentrum Holm in dem Artikel »In zehn Jahren sind das hier Slums«. Während ich auf mein Testergebnis warte, ruft mich Peter an und fragt mich, ob ich im August an einer vom Literaturhaus Hamburg organisierten und mit 500 Euro honorierten Lesung auf einem Schiff teilnehmen möchte – natürlich! Danach mit dem Auto nach Hohwacht, kurz vorher Halt am Klabautermann, einem malerisch an der Bucht gelegenen Restaurant, das allerdings erst um 12 Uhr aufmacht und bereits eine Stunde vor Öffnung von aufdringlichen und distanzlosen Touristen umlagert wird. Stattdessen essen wir ein Fischbrötchen an einer Bude. Leider müssen wir lange warten, bis wir unsere Bestellung aufgeben können, zudem gibt es noch keine warmen Gerichte – erst ab 12 Uhr. Ich esse ein Matjesbrötchen, danach fahren wir nach Hohwacht, stellen unser Auto ab, gehen zum Strand und rufen von einem Strandkorb aus Edda an, die heute 70 Jahre alt wird, und gratulieren ihr zum Geburtstag. Danach Spazieren wir an der netten Strandpromenade entlang und kehren, da ich wieder Hunger habe, bei Tom’s Hütte ein, um ein Backfischbrötchen zu essen. Anschließend Spaziergang entlang der Steilküste. Am Aussichtspunkt werden wir von einem starken Regen überrascht und laufen entlang einer größeren Straße zurück zum Parkplatz. Wikipedia: »Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges befand sich in der Ortsmitte [von Hohwacht] ein KZ-Außenkommando. Hier fertigten zweihundert KZ-Häftlinge und dreihundert Zwangsarbeiter aus zwölf Nationen unter SS-Aufsicht Steuerungsteile für die Rakete V2.« Um 14 Uhr 15 zurück in Schönberg. Lesen und Schlaf, hinterher Kaffee und Tagebuch.

Subito

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»Mitte der Achtziger gab es nur wenige Bars und Kneipen für Künstler und Szenegänger im Schanzenviertel. Das Subito unweit des Schulterblatts war damals ein Treffpunkt. […] Bernd Begemann und Bela B. gingen in der Souterrain-Kneipe ein und aus. Wie alle ließ auch Unverricht dort anschreiben. Als ein Bekannter von ihm die Kneipe übernahm, half er beim Renovieren. In einer Schublade fanden sie unbezahlte Deckel. Bei rund 50.000 Mark, so schien es, hatte der alte Wirt aufgehört, die Schulden der Gäste aufzuschreiben. Heute steht der Laden leer, überall kleben Plakate und Sticker, die Eingangstür ist voller Graffiti. Nichts erinnert mehr an die Kneipe.«

(Sebastian Grunke über Max Unverricht, Freitag 30/2018)
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»Das ›Subito‹ war nicht nur irgendeine Kneipe, auf deren Spuren sich nun vielleicht immerhin Doktoranden der Literaturwissenschaft setzen werden. Inmitten der saturierten späten Bundesrepublik war es ein Ort existentieller Kämpfe, die wirklich wahre Wirklichkeit im falschen Leben, eine Künstlerrepublik, ein Greenwich Village der Post-Punk-Gitarrenmusik. ›Und jetzt, los ihr Ärsche, ab ins Subito‹, lautete der letzte Satz des Textes, auf den Rainald Goetz 1983 in Klagenfurt das Blut tropfen ließ, als er sich beim Bachmannwettlesen mit einer Rasierklinge die Stirn aufschlitzte. Eine Szene, die längst in die Literaturgeschichte eingegangen ist. […] Ein Drittel der ›Subito‹-Stammgäste von damals hat sich inzwischen garantiert totgetrunken oder irgendwie den Absprung geschafft. Ein weiteres Drittel wurde erst mal Musik- und dann Magazin-Journalist. Und das restliche Drittel trat den langen künstlerischen Marsch durch die Institutionen an. Blixa Bargeld von den Einstürzenden Nachbauten macht inzwischen so etwas wie Hochkultur-Avantgarde. Diedrich Diederichsen ist Kunstprofessor. Nick Cave hat es irgendwie geschafft, älter zu werden. Und Rainald Goetz – 1954 geboren, Immermitschreiber, Doppel-Doktor in Geschichte und Medizin, passionierter Fahrradfahrer, Autor von inzwischen etwa einem Dutzend Bücher –, Rainald Goetz hat jetzt den Büchnerpreis, immer noch Deutschlands renommierteste Literaturauszeichnung.«

(Dirk Knipphals, taz 8.7.2015)
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»– Thema Rock’n’Roll und so: Am meisten gings damals ab im SUBITO an der Stresemann-, Ecke Juliusstraße. Alter, dat war Rock’n’Roll! Nick Cave is da hingegangen, Blixa Bargeld und die ganzen Hamburger Abwärts-Typen. Die Musik war eher so punkig, Neubauten und so weiter. Kein DJ, alles von Tape oder CD. Clubkultur, sach ich mal, so mit DJ in fast jedem Laden, das kam erst später. Zum Schluss jedenfalls, als der Laden fertig war, hat der Besitzer Kasper alle unbezahlten Deckel an die Kneipenwand genagelt. 50 Mark. 100 Mark. Einer, von Nick Cave, glaube ich, hundert-drei-und-dreißig Mark, Alter. Dabei kostete dat Bier damals nur einsfuffzich! […] Irgendwann stand das Ding leer, einzwei Jahre. Und dann, was kam da rein? Ich weiß et jarnich genau… Kinderklamotten, oder so.«

(St. Pauli normal, Charly König, Rock’n’Roll, Tekkno und Dark Rooms)
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»›Ihr hattet die Power, den Willen, den Mut, heute Abend rauszugehen. Ihr habt mehr Power als die meisten, die diesen Weg nicht gewagt haben. Dieser Applaus ist euer Applaus!‹ Rocko Schamoni sitzt zwischen Bierflaschen und einem Sektkübel auf der Bühne im Festsaal Kreuzberg und flirtet sein Publikum extrem platt an. Man nimmt es ihm nicht übel, denn so ein Verhalten ist den Lesern seines Romans ›Sternstunden der Bedeutungslosigkeit‹ bekannt. […] Wenn Schamonis Protagonist Michael Sonntag an die Hamburger Frauen ran will, dann packt er noch viel dreistere Plattitüden aus. Donnerstagnacht zieht es die ›Überflüssigen‹ Hamburgs in Schamonis Roman Richtung Kiez. Die Nächte enden nach einigen Linien Speed frühmorgens im alkoholischen Exzess. Die, die heute durch die vermeintliche Katastrophennacht zum Festsaal gewatet sind, wirken da vergleichsweise brav. […] Als die Eckkneipe an der Hamburger Stresemannstraße noch Subito hieß, waren die meisten hier für Abstürze noch zu jung. Im Buch wird der Laden Nasenbär genannt, heute heißt er tatsächlich so, und bietet – Ironie der Zeit – Artikel für Mutterglück und Kinderträume an. Fakt oder Fiktion, Wechsel der Generationen, allüberall.«

(Christine Käppeler, taz 23.6.2007)
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