Selfies ohne Selbst (X)

Sternstraße, Bonn

In der Fußgängerzone schrieb ich an mehreren Büchern gleichzeitig. Durch die Fenster drang der Lärm der Straßenmusikanten, von Jack & Jones und Deichmann. Ich sah Taubenschwärme am Himmel über den Dächern kreisen und die Türme der Stifts- und der Namen-Jesu-Kirche. Manchmal fühlte ich mich wie ein amtlicher mittelalterlicher Stadtschreiber in einer globalisierten Welt.

SELFIES OHNE SELBST (IX)

Lord Nelson Hotel & Suites, Halifax

Durch ein Labyrinth aus Parkhausgängen betrat ich das Hotel und setzte mich im ersten Stock an einen Tisch auf der Empore über dem Empfangstresen. Schönes Schreiben zwischen den riesigen Kronleuchtern und den getäfelten Wänden, dem dunklen Holz und den goldenen Verzierungen. 

SELFIES OHNE SELBST (VIII)

Keele Street, Toronto

In meinem Arbeitszimmer in Toronto lebte ich mit der Hauptfigur des Romans zusammen, den ich gerade schrieb. Vor dem Fenster stand ihr Zeichenbrett, in der Ecke ihr Bett. Die warme Heizungsluft kam aus der Decke und die Fenster ließen sich nur ein Stück weit aufkurbeln. Hinter meinem Rücken hatte sie das Regal mit ihren Graphic Novels aufgebaut.

Selfies ohne Selbst (VI)

Zionskirchstraße, Berlin

So grell und unscharf wie dieses Foto sind meine Erinnerungen an meine zweite Wohnung in Berlin. In diesen Wänden gewöhnte ich mir das Rauchen ab, das für mich untrennbar mit dem Schreiben verbunden gewesen war. Auf einmal hörte ich wieder die Musik meiner Jugend. Einer Zeit, als ich noch Nichtraucher war und gerade erst mit dem Schreiben angefangen hatte.

Selfies ohne Selbst (V)

Neustraße, Bonn

Bei Mabrouka. Der Arbeitsplatz neben der Waschmaschine, meine Unterlagen auf der Fensterbank. Den ganzen Tag schien die Sonne durch die Küchenfenster und ich schrieb wie unter einer Lupe.

Neustraße, Bonn

Erst nachdem ich nach ein paar Tagen den Schreibtisch ins Wohnzimmer geschafft und gegen die Wand gestellt hatte, konnte ich wirklich arbeiten.

Selfies ohne Selbst (IV)

Zmaj Jovina, Novi Sad

Als Stadtschreiber im Herzen der Stadt. Ich habe noch nie so viele Kleinkinder in einem Flugzeug gesehen wie auf dem Flug nach Belgrad – und noch nie so viele stille und zufriedene. Nachdem ich einen Tisch für meinen Balkon erhalten hatte, war mein Arbeitsplatz perfekt. Schreiben unter einem wolkenlosen Septemberhimmel bei fünfundzwanzig Grad.

Selfies ohne Selbst (III)

Römerlager, Bonn

Die Hitzewelle. Ein Schreibtisch im siebten Stock mit Blick auf den Rhein und die vorbeischwimmenden Kähne. Ich hatte den Schreibtisch umgedreht und zurückgeschoben, weil ich nicht eingezwängt zwischen dem Tisch und der Wand sitzen wollte. Nun schaute ich genau auf die schwarzen Schrammen an der Wand, die der Stuhlrücken dort hinterlassen hatte.

Selfies ohne Selbst (II)

Aygedsor, Eriwan

Der schönste Schreibplatz der Welt mit Blick auf den Ararat. Die Armenier waren immer ganz enttäuscht, wenn sie mich fragten, ob ich ein Buch über Armenien schriebe. Nein, antwortete ich, über Bochum und das Ruhrgebiet. Es war der Punkt in meinem Leben, wo ich dachte, ich schreibe jetzt genau das, was ich schreiben will; egal, ob es jemand anders lesen will oder wird.

Selfies ohne Selbst (I)

Villa Decius, Krakau

Mein erstes Aufenthaltsstipendium. Ich war zwei Monate im Sommer und einen Monat im Winter in der Villa und habe an »Hier keine Kunst« geschrieben. In meinem Zimmer und im Park las ich »Georg Letham«. »Wer liest denn heute noch Ernst Weiß«, fragte Stephan Wackwitz damals erstaunt.